Im Kampf gegen das Ego

In den letzten Tagen hatte ich mit mehreren Menschen zu tun, die sich momentan intensiv mit ihrem Ego beschäftigen beziehungsweise mit bestimmten Aspekten davon – Einsamkeit, Empfinden von Ausgegrenztheit oder Nutzlosigkeit, Verletzung, Liebeskummer. Und sie kämpfen! Sie kämpfen gegen diese Empfindungen und gegen den Schmerz, den sie spüren. Sie wollen ihr Ego besiegen und die Zufriedenheit finden, die tief in jedem von uns stets vorhanden ist.

Doch der Kampf ist nicht das richtige Mittel! Es gibt ein physikalisches Gesetz, das besagt: Jede Kraft erzeugt eine Gegenkraft! Je mehr wir gegen das Ego und seine Eigenschaften ankämpfen, desto mehr Kraft verleihen wir ihnen!
Loslassen ist der erste Grundsatz… den Kampf loslassen. Uns einmal so akzeptieren, wie wir sind, mit der Einsamkeit, den negativen Empfindungen, dem mangelnden Selbstwertgefühl, einfach hinschauen und sagen: Ja, so bin ich und so ist es gut. Wenn es uns gelingt, uns so zu akzeptieren, wie wir sind, dann spielt es überhaupt keine Rolle, wie viele „schlechte“ Eigenschaften wir haben!

Nur: Was machen wir mit dem Schmerz in uns, der durch diese Empfindungen hervorgerufen wird? Er ist mehr als unangenehm, und vor allem: Er ist es, den wir im Grunde genommen unbedingt loswerden wollen! Aber auch gegen ihn ist der Kampf aussichtslos! Je mehr wir uns mit ihm beschäftigen, desto mehr Macht geben wir ihm.
Das Ego sucht Emotionen, das ist eine Tatsache. Kann es keine lustvollen bekommen, so nimmt es mit unangenehmen, schmerzlichen, quälenden vorlieb – Hauptsache es hat überhaupt welche! Und wir müssen zuallererst aufhören, diese Emotionen durch unsere Hinwendung und unser Selbstmitleid zu füttern. Wir müssen sie ignorieren – so weit uns das gelingt –, indem wir uns ablenken und uns durch sie nicht von unseren übrigen Tätigkeiten, Pflichten und Vergnügen abhalten lassen. Dann „verhungern“ sie mit der Zeit und lassen von uns ab.
Zugegeben, das ist nicht ganz einfach. Wir müssen uns intensiv bemühen, unser Denken immer wieder von den quälenden Erinnerungen und kreisenden Gedanken abzuziehen. Es hilft in der Regel auch nicht, uns durch „rationale“ Argumente selbst überzeugen zu wollen, beispielsweise warum die Verletzung, die uns jemand zugefügt hat, eigentlich gar nicht so schlimm ist, warum sich der Liebeskummer nicht lohnt und mehr dergleichen; denn auch solche Gedanken sind schliesslich nichts anderes als eine Form der Hinwendung zu unserem Schmerz.
Ich persönlich versuche in solchen Situationen, mein Ego nicht ernst zu nehmen: „So, so, du willst meine Aufmerksamkeit?“, sage ich jeweils zu ihm (zu mir selbst!), „War es dir in letzter Zeit zu wohl, dass du jetzt unbedingt einen Schmerz suchst? Na, dann behalte ihn doch, wenn es dir Spass macht! Ich nehme ihn dir bestimmt nicht weg.“ Und dann wende ich mich davon ab.
Eine andere Methode, die je nach Fall auch gut wirkt, ist den Schmerz in Wut zu verwandeln (mit Wut können wir in der Regel besser umgehen – und sie tut vor allem nicht weh!). Sind wir beispielsweise verletzt worden, können wir uns sagen: „Was erlaubt sich X überhaupt, mir so etwas zu sagen/anzutun? Unsensibel und rücksichtslos ist er! Der hat ja keine Ahnung, wer ich bin!“ Und mehr in der Art. Nachdem wir dann Wut verspüren und sie eine Weile ausgelebt haben (und der Schmerz sich gelegt hat), sollten wir sie allerdings wieder loswerden. Dazu können wir beispielsweise nach Gründen suchen, warum X sich so verhalten haben könnte: „Er wurde halt auch schon oft verletzt, er kann gar nicht anders…“ Oder wir ziehen einfach einen Schlussstrich und verzeihen.

Es gibt verschiedene Wege, mit diesem Schmerz umzugehen, jeder muss seinen eigenen finden. Entscheidend ist in jedem Fall – wie gesagt –, nicht dagegen anzukämpfen und sich nicht direkt damit beschäftigen.
Bis der Schmerz dann endgültig von uns gegangen ist, bleibt uns nichts anderes übrig, als ihn anzunehmen und zu ertragen. Dieses Thema habe ich in einem früheren Beitrag auf meiner Website „Selbstliebe“ näher erläutert, siehe hier.

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7 Gedanken zu “Im Kampf gegen das Ego

  1. mhm ich stimme nicht ganz zu,
    an der sache mit dem selbstmitleid ist was dran und auch
    das wir probleme mit unserer aufmerksamkeit noch größer machen.
    Aber ich bin dagegen den schmerz wegzuschieben und plediere dazu all den schmerz zuzulassen und zu fühlen, da er sich sonst ansammelt und uns zu anderen menschen werden lässt, sich nur noch vergrößert.
    siehe Primärtherapie, Center Chiemgau, oder in Kiel

  2. Liebe Eva

    Ich weiss, dass aus psychologischer Sicht gefordert wird, sich mit dem Schmerz zu befassen, bis er verarbeitet ist.

    Aus spiritueller Sicht betrachte ich das jedoch differenzierter. Den Schmerz sollen wir zulassen, wenn er aus einer konkreten Situation heraus auftritt, also beispielsweise im Moment, in dem wir uns von jemandem verletzt fühlen: In diesem Moment sollen wir uns kurz mit ihm auseinandersetzen, ihn verstehen, verarbeiten und dann loslassen.

    Wenn wir jedoch diesem Schmerz erlauben, immer wieder
    aufzutauchen, versetzen wir uns emotional und gedanklich in die vergangene Situation – und das widerspricht dem grundlegenden Prinzip, immer in der Gegenwart zu leben, und ist darüber hinaus sinnlos, da wir die Vergangenheit nicht ändern können.
    Wir sollen die Essenz, die Lehre, aus vergangenen Erfahrungen mitnehmen, nicht die mit den Erfahrungen verbundenen Emotionen.

    Herzlichst,
    Karin

  3. An Eva:

    Da stimme ich ihnen zu 100% zu. Ignoriert man nämlich Gefühle wie verletzt, erschüttert, beleidigt, traurig usw. sein können daraus handfeste Neurosen entstehen und unser Leben ganz nachhaltig beeinträchtigen. Die Möglichkeit sich vom Alltag abzuschotten halte ich für wenig ratsam da sie zu Vereinsamung und verstellter Wahrnehmung der Realität führt.
    In aller Regel verschwindet Verarbeitetes in der Tiefe unseres Unterbewusstseins und taucht ev. durch irgendwelche Trigger (Aussagen oder Verhalten usw. die eine erlebte Situation wachruften oder daran erinnern) können lediglich verdrängte also nicht verarbeitete Erlebnisse in voller Grösse auferstehen und dann werden wir niemanden finden der dafür Verständnis haben wird weil das nicht mehr einer Lebenssituation entspricht, weil wir als erwachsene lebenstüchtige Menschen wahrgenommen und so ein Einbruch vom Umfeld sehr wohl mit Skepsis wahrgenommen wird. Man kann ohnehin aus einer Situation nur dann lernen wenn wir sie verstehen können auch dann wenn dieses Verstehen mit Schmerz verbunden ist.
    Ich erachte Ihre Haltung als die eines gesunden Menschen und was Karin erwiedert hat als entweder etwas zu oberflächlich oder dann als mit Vorbehalt zu lesen.

  4. Hier nochmal der so etwas unverständliche Satz, entschuldigen Sie bitte Karin, war nicht absicht sondern wegen der Klammerbemerkung:

    also der Satz im posting an eva:

    In aller Regel verschwindet Verarbeitetes in der Tiefe unseres Unterbewusstseins und taucht ev. durch irgendwelche Trigger (Aussagen oder Verhalten usw. die eine erlebte Situation wachruften oder daran erinnern) auf. Trigger können lediglich verdrängte also nicht verarbeitete Erlebnisse in voller Grösse auferstehen lassen und dann werden wir niemanden finden der dafür Verständnis haben wird weil das nicht mehr der eigenen Lebenssituation entspricht, weil wir als erwachsene lebenstüchtige Menschen wahrgenommen und so ein Einbruch vom Umfeld sehr wohl mit Skepsis wahrgenommen wird.

  5. Liebe Lisa,

    Danke für deinen Beitrag. Ich finde es schön, wenn diese Website zu einem Diskussionsforum mit unterschiedlichen Meinungen wird.

    Ich denke, ich habe meinen Standpunkt in meinem Post und meiner Antwort an Eva bereits deutlich formuliert, und möchte deshalb nicht mehr darauf eingehen.
    Nur einen Punkt will ich nochtmals betonen: Es gibt eine psychologische Sicht der Dinge und es gibt eine spirituelle, die sich teilweise widersprechen. Alles was ich auf dieser Website schreibe, entstammt diesem spirituellen Blickwinkel.

    Herzlichst,
    Karin

  6. „Wir müssen sie ignorieren – so weit uns das gelingt –, indem wir uns ablenken und uns durch sie nicht von unseren übrigen Tätigkeiten, Pflichten und Vergnügen abhalten lassen. Dann “verhungern” sie mit der Zeit und lassen von uns ab.“

    Das ist so nicht richtig.
    Wir müssen die Emotionen, Gefühle etc. bewusst wahrnehmen und sie dadurch mit Bewusstsein aus dem Schatten ins Licht nehmen.
    Dadurch wird der Schmerzkörper bewusst, damit treten wir aus der Unbewusstheit heraus und entkoppeln den Schmerz vom Verstand, die sich sonst nur Energie liefern würde.

    Ignorieren geht nicht,- wie kann ich etwas ignorieren was IST ?
    Das wäre Abwehr und das wäre genau falsch.
    ANNEHMEN, WAHRNEHMEN, FREIHEIT; HEILUNG

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