Das letzte Glück

In meiner Nachbarschaft wohnte ein älteres Ehepaar, sie eine unternehmungslustige Frau, mit der ich mich oft über den Gartenzaun hinweg lange unterhielt, er ein zurückgezogener Eigenbrötler, der nie ein Wort über seinen trockenen Gruss hinaus verlor.
Sie starb letztes Jahr und liess ihn allein zurück, ohne Freunde, praktisch ohne soziale Kontakte. Nur eine Familie, mit der schon vorher eine Bekanntschaft bestanden hatte, lud nun den alleinstehenden Mann immer wieder einmal zum Essen ein oder nahm ihn mit auf einen Ausflug. Bis der Eigenbrötler sich ausgerechnet diesen Menschen gegenüber in einer völlig banalen Angelegenheit hinterhältig und gemein verhielt, worauf diese den Kontakt zu ihm abbrachen.
Doch nach ein paar Monaten – nachdem der Zorn und die Enttäuschung verflogen waren und das Mitgefühl für den einsamen Mann wieder die Oberhand gewann – unternahmen sie mit ihm wieder einen Ausflug, an einem sonnigen Tag, in eine landschaftlich reizvolle Gegend. Am Abend bedankte sich der Mann herzlich und sagte, das sei einer der schönsten Tage seines Lebens gewesen.
In der Nacht verstarb er friedlich.

Wie wichtig manchmal ein Akt der Nächstenliebe sein kann… Verschieben wir ihn nie auf morgen.

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Ein Gedanke zu “Das letzte Glück

  1. Hallo Karin

    Aber bitte bei praktizierter Nächstenliebe nicht ausser Acht lassen, dass / wenn der / die an dem oder denen man sie praktiziert ebenfalls Erwachsene sind. Man kann sich in anderen Menschen gründlich täuschen wenn man nicht auf genau der Ebene hinterfragt.
    Das schreibe ich aus einer gewissen Erfahrung heraus. Wo man dem anderen die Möglichkeit überlässt ebenso grosszügig zu sein wie man es selbst zu sein meint, kann was Fruchtbares entstehen. Das andere hat oft nur Selbstzweck und hilft nur einem dem der das „gute Werk“ tut und das ist in meinen Augen fragwürdig weil es ausschliesst, dass der oder die „Auserwählte“ eben solche Fähigkeiten hat.

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