Hiob – Gottes Prüfungen?

Neulich habe ich einem Gespräch über Hiob* zugehört. Es ging dabei um die Prüfungen, die Gott uns angeblich auferlegt und wie wichtig es sei, ihm dafür nicht zu zürnen und alles zu akzeptieren; dafür werde man am Ende belohnt.
Für alle, welche die alte Geschichte nicht kennen: Der wohlhabende und rechtschaffene Hiob wird von Gott auf Wunsch Satans geprüft, weil dieser behauptet, die Menschen seien nur fromm, solange es ihnen gut gehe. Gott nimmt Hiob seinen ganzen Besitz, auch seine zehn Kinder und seine Gesundheit, ohne dass Hiob Gott böse ist. Und am Ende wird er von Gott belohnt, bekommt alles doppelt wieder, auch zehn neue Kinder.

Einverstanden bin ich in dem Punkt, man solle dem Göttlichen – oder dem Schicksal, dem Leben, den Höheren Mächten oder wie man diese Instanz nennen will – nicht zürnen. Hauptsächlich schaden wir damit uns selbst, wenn wir uns grämen und verbittert sind. Und wir verpassen dabei die Chancen, die jede Krise uns bietet, die Chancen zu lernen, innerlich zu wachsen und stärker und weiser daraus hervorzugehen.

Nicht einverstanden bin ich jedoch mit der generellen Vorstellung, das Göttliche wolle uns prüfen, und schon gar nicht aus dem Grund, um bösen Mächten irgend etwas zu beweisen.
Auch das Konzept von Strafe und Belohnung durch Gott, das in der Bibel so oft vorkommt, halte ich für eine menschliche Idee von Gerechtigkeit – wollen wir uns wirklich anmassen, den göttlichen Plan auf eine menschliche Ebene zu reduzieren, bloss weil unser beschränkter Verstand sich nichts anderes vorstellen kann?

Nach dem Karma-Gesetz wäre alles, was uns zufällt, die Wirkung vergangener Ursachen, also das Ergebnis früherer Taten: Gutes bringt Gutes, Böses bringt Böses. Doch auch diese starre Gesetzmässigkeit scheint mir wiederum nur ein Erklärungsmodell für scheinbar Unerklärliches: Wo bliebe denn die Gnade und Barmherzigkeit des Göttlichen?
Vielmehr glaube ich, und folge hierin Sri Aurobindos Weisheit, dass der Sinn unseres Lebens die innere Entwicklung zum Göttlichen hin ist. Deshalb wird uns alles gegeben, was diese Entwicklung fördert – manchmal sogenannt Angenehmes, manchmal sogenannt Unangenehmes –, und es wird uns alles genommen, was diese Entwicklung hemmt – manchmal sogenannt Unangenehmes, manchmal sogenannt Angenehmes.
Prüfungen, wollen wir sie denn so bezeichnen, kommen dann auf uns zu, wenn wir aus einer Erfahrung etwas gelernt haben, in der Theorie, und es dann in der Praxis umsetzen sollen – gewissermassen um zu beweisen, dass wir es nicht nur verstanden haben, sondern die neue Erkenntnis auch leben.
Ein Beispiel: Um befördert zu werden, schaltete X einen um die gleiche Stelle konkurrierenden Kollegen aus, indem er ihm mehrmals für die Erledigung seiner Arbeit wichtige Informationen bewusst vorenthielt, sodass der Kollege schwerwiegende Fehler beging. X wurde befördert. Einige Monate später erfolgten interne Umstrukturierungen und die Abteilung von X wurde aufgehoben, er selbst entlassen. Der vermeintliche Erfolg stellte sich als Boomerang heraus; X gewann daraus die Erkenntnis, dass er sich im Wettkampf um die Beförderung unfair verhalten hatte, und versprach sich selbst, nie wieder so zu handeln.
Bei seinem neuen Arbeitgeber geht es nun wieder um eine Beförderung und wieder ist ein Kollege sein Konkurrent. X wäre auf die besser bezahlte Position dringend angewiesen, denn durch die vorangehende Arbeitslosigkeit steckt er in einer finanziell schwierigen Lage. Die Versuchung, mit unfairen Mitteln um die Beförderung zu kämpfen, ist also gross – diese Situation kann man als Prüfung verstehen, ob X seine frühere Erkenntnis nun in die Tat umsetzt. Tut er es und bleibt tatsächlich fair, so hat er die Lektion gelernt. Versucht er hingegen nochmals durch Betrug voranzukommen, so werden die Konsequenzen – kurz- oder langfristig – ihm eine neue Lektion erteilen… so lange, bis er daraus lernt. Wenn nicht in diesem, dann in einem nächsten Leben.

Unser ganzes Leben ist eine Schule, allerdings ohne Bewertung und Noten. Doch den Stoff sollten wir schon lernen, um voranzukommen, sonst bleiben wir sitzen und müssen eine Klasse wiederholen. Betrachten wir jedoch nichts als Strafe. Es sind immer nur Hinweise des Göttlichen, dass wir uns gerade auf einem Irrweg befinden, bemühen wir uns also, auf den rechten Weg zurückzukehren.

* Altes Testament, Buch Hiob.

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