Einige Rezepte für höhere Achtsamkeit

Um aus jedem Ereignis und jeder Situation unseres Lebens den größten Profit zu ziehen, also zu lernen, müssen wir achtsam sein, den Alltag nicht wie Schlafwandler an uns vorbeiziehen lassen. Achtsamkeit ist eines der Glieder des Achtfachen Pfades im Buddhismus und umfasst die Achtsamkeit für die Körperfunktionen, die Sinnesreize, die Emotionen und die Gedanken. Wir sollen sie be­wusst wahrnehmen, was be­dingt und uns dazu zwingt, in der Gegenwart zu leben.
Achtsam sein bedeutet in erster Linie, wachsam zu sein, wie wir es bei einer drohenden Gefahr täten, beispielsweise wenn wir nachts durch eine dunkle, menschenleere Straße gehen und alle unsere Sinne in Alarmbereitschaft stehen, um das leiseste Geräusch, jeden flüchtigen Schatten wahrzunehmen. Oder, mit einem positiveren Beispiel erläutert, so wachsam und konzentriert wie wir in einer Schulstunde den Worten und Handlungen des Lehrers folgen, um zu lernen und gegebenenfalls richtig zu reagieren: eine wichtige Aussage aufschreiben, eine Aufgabe lösen, eine Frage stellen, …
Andernfalls handeln wir eben wie Schlafwandler, die blind und unbewusst durch Räume ziehen, ohne wahrzunehmen, was sich darin befindet und ereignet.
Erst durch die Achtsamkeit, die es uns erlaubt, eine Si­tuation in ihrer Ganzheitlichkeit und Unmittelbarkeit zu erkennen, können wir überhaupt angemessen darauf reagieren, also willentlich, aus unserer Seele – im Gegensatz zur Steuerung aus dem Unbewussten, etwa durch Triebe und Verhaltensmuster, oder aus dem Ego.

Achtsamkeit ist Übungssache. Nur indem wir die Ge­dan­ken immer wieder am Umherschweifen hindern, sie in die Gegenwart zurückholen, wird Achtsamkeit eines Tages zur Gewohnheit. Das dauert lange, viele Jahre, und er­for­dert ein hohes Maß an Willenskraft und Selbstkontrolle.
Neben der bekannten Methode, in Gedanken immer ganz bei der Tätigkeit zu sein, die wir gerade ausüben, gibt es weitere hilfreiche Übungen, von denen wir zu­mindest die erste leicht in den Alltag integrieren können:
• Bei einem Gespräch neigen wir dazu, noch während un­ser Gegenüber redet, bereits in Gedanken unsere Antwort zu formulieren oder zumindest über Argumente nachzudenken. Das sollten wir unterbinden, indem wir uns völlig da­­rauf konzentrieren, was der Gesprächspartner sagt, Wort für Wort in uns aufnehmen und uns ernsthaft bemühen, dabei nicht zu denken, sondern hinzuhören. Nur dann nehmen wir auch wahr, was er nicht sagt.
• Schweifen die Gedanken in unserem Kopf umher, versuchen wir, sie zu beobachten. Dies mit Worten zu erklären, ist schwierig: Wir sind gewissermaßen zweigeteilt, ein Teil denkt, der andere Teil beobachtet dieses Denken, als handelte es sich dabei um eine andere Person, und lässt es vorbeiziehen, ohne es festzuhalten.
• Auch können wir zuschauen, wie die Gedanken, bevor sie in unserem Kopf sind, von außen in uns hereinkommen. Wahrscheinlich werden wir das nicht auf Anhieb schaffen, doch es ist eine lohnende Übung. Gelingt es uns nämlich, Gedanken als nicht zu uns gehörend zu betrachten, als Eindringlinge, die von außen (aus dem Äther, einer anderen Di­mension oder woher auch immer) in uns strömen, können wir sie stoppen, bevor sie eintreffen, sie draußen lassen. Diese Möglichkeit ist uns natürlich verwehrt, be­trachten wir sie als eigene Geschöpfe, die in uns entstehen und uns eigen sind.

Achtsamkeit ist anstrengend, eine Fulltime-Beschäftigung gewissermaßen. Deshalb empfehle ich, von Zeit zu Zeit einen „Tag der Achtsamkeit“ einzulegen, an dem wir uns tatsächlich von morgens bis abends konzentriert und konsequent darum bemühen. Danach uns aber wieder einige „unachtsame“ Tage zu gönnen, sonst werden wir der Achtsamkeit schnell überdrüssig und geben sie ganz auf.

Dieser Artikel ist ein Auszug aus Kapitel 6 meines Buches „Alltägliches Handeln im spirituellen Geist“ (Band 2 der Sonnwandeln-Reihe).

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