Der Fluss in der Wüste

Die Religionen haben ihre Dogmen erstellt und sie streiten untereinander, jede meint, nur sie besitze die absolute Wahrheit. Doch in ihrem Kern, in ihrer mystischen Ausprägung, findet sich immer die gleiche Wahrheit: Die direkte Gotteserfahrung führt immer nur zum Einen – wie könnte es auch anders sein, da doch das Göttliche nur eines ist!
Eine der wichtigen Aussagen jeder Mystik lautet: Wir müssen loslassen, was uns an das Irdische bindet, und uns vollständig der Göttlichen Führung anvertrauen.
Ja, Urvertrauen und Hingabe… und etwas Mut.
Hier eine hübsche Geschichte aus dem Sufismus (mystische Richtung des Islam) zu diesem Thema.

Ein Fluss entsprang einer Quelle im Gebirge und strömte hinab ins Tal, durch Wälder und Wiesen, bis er schliesslich die Wüste erreichte. Er hatte alle bisherigen Hindernisse überwunden und sich seinen Weg sogar durch harten Fels erkämpft; doch so sehr er sich auch bemühte, die Wüste zu durchqueren – sein Wasser versickerte im Sand. Er spürte aber, dass seine Bestimmung jenseits der Wüste lag, nur wusste er nicht, wie er sein Ziel erreichen könnte.
Da hörte er eine Stimme aus der Ferne: „Der Wind überquert die Wüste – ergib dich ihm, er wird dich hinüber tragen.“
Der mächtige Strom, der immer alles allein geschafft hatte, war nicht angetan von der Idee, sich dem Wind anzuvertrauen – und ein bisschen Angst hatte er auch, denn er konnte sich nicht vorstellen, wie das gehen sollte.
Der Sand schien seine Gedanken zu erraten und erklärte ihm: „Der Wind nimmt dein Wasser in die Luft auf, weht es über die Wüste und lässt es als Regen fallen, sodass es wieder zu einem Fluss werden kann.“
Der Strom zögerte, er wollte doch seine Eigenart nicht aufgeben! Und wäre er danach immer noch der Gleiche?
„Du kannst in keinem Fall bleiben, was du bist. Gibst du dich nicht dem Wind hin, stirbst du im Sand“, flüsterte die geheimnisvolle Stimme. „Doch sieh: Das Wesentliche an dir wird bestehen bleiben, das, was du in Wahrheit bist…“
So liess der Fluss seinen Dunst aufsteigen, der Wind trug ihn immer höher und wehte ihn über die Wüste hinweg bis zu einem Gebirge. Hier liess er ihn sanft herabfallen, reines Wasser, und der Strom erkannte, dass er jetzt wirklich er selbst war.

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