Nichts (mehr) zu verlieren

Der alte Song, den ich lange nicht mehr gehört hatte, ist mir heute plötzlich in den Sinn gekommen, nur der Refrain, genauer gesagt, nur eine Zeile:
Freedom ’s just another word for nothing left to lose…
(Freiheit ist nur ein anderes Wort für „nichts mehr zu verlieren haben“…)

Nichts zu verlieren… haben wir, wenn wir nichts besitzen. Es gibt in der Tat Menschen, die dem Besitz bewusst abschwören und sich dadurch frei fühlen.
Können wir uns denn nicht frei fühlen, solange wir noch Besitz haben? Es gibt dazu eine hübsche Geschichte aus dem alten Indien.

Shuka Deva, ein junger Mann, der auf dem spirituellen Pfad schon weit voran geschritten war, suchte einen Guru (spiritueller Lehrer), der ihn zur letzten Wahrheit leiten sollte. Sein Vater riet ihm, zu König Janaka zu gehen. Als Shuka Deva in den Palast kam, fand er den König auf einem prunkvollen goldenen Thron sitzend und eine Wasserpfeife rauchend, umringt von spärlich bekleideten Frauen mit grossen Fächern aus Palmblättern. Shuka Deva war schockiert und konnte sich nicht erklären, dass sein Vater ihm diesen weltlichen Mann als spirituellen Lehrer empfohlen hatte.
Er wollte den Palast gleich wieder verlassen, aber Janaka rief ihn zurück und bat ihn, bei ihm Platz zu nehmen, während er alle anderen wegschickte. Sie begannen ein tiefes Gespräch über Gott. Nach vier Stunden fühlte sich Shuka Deva langsam müde und hungrig, doch er wagte es nicht, das heilige Gespräch zu unterbrechen.
Nach weiteren Stunden kamen zwei Boten und riefen: „Majestät, die ganze Stadt ist in Flammen und sie haben schon den Palast erreicht! Flieht!“
Der König antwortete: „Ich bin gerade im göttlichem Gespräch mit meinem Freund. Geht und versucht, das Feuer zu löschen.“
Shuka Deva verstand die Haltung des Königs nicht, doch er versuchte ebenso ruhig zu bleiben. Nach einer Weile kamen die beiden Boten wieder: „Das Feuer dringt weiter vor, Eure Gemächer brennen lichterloh, bald ist es beim Thron angelangt! Wenn Ihr jetzt nicht flieht, werdet Ihr verbrennen!“
Der König antwortete: „Bringt ihr beide euch in Sicherheit. Ich fühle mich in den Armen des beschützenden Gottes viel zu sicher, um vor dem Feuer Angst zu haben.“
Die beiden Boten flohen. Die Flammen frassen sich bereits durch den Stapel Bücher, der neben Shuka Deva stand, und er verlor seine Beherrschung. Er sprang auf und versuchte seine wertvollen Bücher zu retten.
König Janaka lächelte. Er machte ein Handzeichen und auf wundersame Weise verschwand das Feuer. Er sagte zum jungen Mann: „Du hieltest mich für einen dem Weltlichen verhafteten Herrscher. Doch sieh dich an! Du hast den beschützenden Gott vergessen, um einen Stapel Bücher zu beschützen, während ich mich nicht um meinen brennenden Palast kümmerte. Gott hat dieses Wunder bewirkt, um dir zu zeigen, dass du, obwohl du dich ein Entsagender nennst, mehr an deinen Büchern hängst als an Gott – oder als ich an meinem Palast, obwohl ich im Prunk lebe anstatt in einer Einsiedelei.“

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