Emotionen und Gefühl

Von einer weisen Frau habe ich vor vielen Jahren gelernt zu unterscheiden zwischen Emotionen (auch als Gemütsbewegungen bezeichnet) und Gefühlen. Das ist überaus wichtig, das erkenne ich immer wieder bei mir selbst, denn nur allzu oft verwechseln wir die beiden und halten für edle Gefühle, was in Wirklichkeit nur Begehren des Ego sind. Vorab ganz kurz gesagt: Emotionen sind Erregungen des Ego, die durch äussere Gegebenheiten hervorgerufen werden; Gefühl ist der Zustand der Seele. Einige Beispielpaare mögen diesen Gedanken veranschaulichen (wobei es teilweise natürlich eine rein sprachliche Definitionssache ist, die in einer anderen Sprache so nicht funktioniert – an der Tatsache der Unterscheidung ändert das jedoch nichts).

Emotion – Gefühl
Verliebtheit – Liebe
Glücklichsein – Zufriedenheit
Mitleid – Güte/Liebe
Sorge – Fürsorge

Mir ist im Buch „Der Karma Yoga“ von C. Kerneïz eine Erläuterung begegnet, die ich hier wörtlich und von mir unkommentiert zitieren will – man kann es einfach nicht treffender sagen und dem ist meinerseits auch nichts hinzuzufügen! (Das Werk stammt aus den 1930-er Jahren, wurde 1950 auf Deutsch übersetzt, weshalb gewisse Begriffe und Formulierungen etwas altertümlich anmuten mögen.) Es geht dabei um das Mitleid beziehungsweise die Güte/Liebe, lässt sich aber analog auf andere Emotionen/Gefühle übertragen.

Gewöhnlich verwechselt man Gemütsbewegungen mit Gefühl, vor allem die Gemütsbewegung des Mitleids mit dem Gefühl der Liebe. Wenn man von einem leicht erregten Menschen sagt, er sei gefühlvoll, glaubt man das Gleiche auszudrücken. Nichts aber ist weniger richtig! Das Gefühl ist eine rein seelische, von schwachen oder überhaupt keinen körperlichen Rückwirkungen begleitete Erscheinung. Die Gemütsbewegung dagegen ist im wesentlichen körperliche Erscheinung, wenn sie auch leichte seelische Rückwirkungen hervorrufen kann. Die vom Gefühl bestimmten Werke sind beherzt gewollt. Durch Gemütsbewegungen bestimmte Werke sind Rückwirkungen, die sich stark den Reflexen nähern.
Seiner seelischen Natur nach ist das Gefühl neben der Einsicht die einzig mögliche Quelle frei entschiedener, völlig selbstloser Handlungen. Das Gefühl nimmt an unserer wirklichen Persönlichkeit teil. Die eng mit den Organen unseres stofflichen Leibs verbundene Gemütsbewegung gehört nicht in den Bereich der wirklichen Persönlichkeit [Seele oder Höheres Selbst], sondern in den der scheinbaren Persönlichkeit [Ego] und ist deshalb grundsätzlich egoistisch.
Es ist daher ein grosser Irrtum, das Mitleid, wie es nur zu oft geschieht, als die ständige Quelle der Werke der Barmherzigkeit zu betrachten. Mitleid ist tatsächlich eine Gemütsbewergung. Vielleicht ist die Tatsache, dass man mehr oder weniger leicht und heftig Mitleid empfinden kann, vom sozialen Gesichtspunkt aus eine gute Eigenschaft. […] Aber es ist ebensowenig wie Schönheit, Verstand, Kraft oder Beweglichkeit eine Tugend. Meist ist Mitleid von einem Gefühl der Güte begleitet; indessen ist dieses Zusammentreffen zufällig, da keine notwendige Verbindung zwischen den beiden besteht. Mitleid kann ohne Güte und Güte ohne Mitleid vorhanden sein. Man begegnet manchmal gütigen Menschen, die nicht mitleidig sind, öfter noch trifft man mitleidige Menschen, die nicht gut sind; ja, es ist nicht selten, dass diese sogar sehr böse sind.
Die Gemütsbewegung des Mitleids wird durch das Mitansehen der Leiden Anderer hervorgerufen, d.h. durch eine Empfindung; ebenso kann sie durch den mündlichen oder schriftlichen Bericht wachgerufen werden. Daraus entsteht ein körperlicher Schock und eine geistige Verwirrung, die schmerzhafte, im Unterbewusstsein versunkene Bilder hervorrufen; man empfindet dann in der Einbildung mehr oder weniger stark das physische oder moralische Leiden mit, dessen Zeuge man wirklich oder nach dem Bericht ist.
Jedes Leid ruft den unwillkürlichen Impuls hervor, seine Ursache aufzuheben: man zieht instinktmässig den verwundenden Stachel heraus. Dasselbe gilt auch für das eingebildete, vom Mitleid hervorgerufene Leiden. Um sich ihm zu entziehen, ist das natürlichste Mittel, den Anblick des wirklichen Schmerzes, also seine Ursache aufzuheben: wir müssen dem unglücklichen Nachbarn helfen. Der Beweggrund zu dieser Tat ist also ein egoistischer.
Die Fähigkeit, Mitleid zu fühlen, ist verständlicherweise von Individuum zu Individuum verschieden, je nachdem das Nervensystem mehr oder weniger feinfühlig und beeindruckbar ist. Diese rein körperlichen Unterscheidungen haben überhaupt keine moralische Bedeutung, und es ist ein schwerer, nur zu häufiger Irrtum, die Güte eines Menschen nach der Lebhaftigkeit der Rückwirkungen abzuschätzen, die das Leiden eines Anderen in ihm auslöst.
Wie stark es auch sei, das Mitleid bleibt immer an der Oberfläche. Vom Anschein erweckt, beruhigt es sich ebenso leicht durch den Anschein. […]
Was aber ist Güte? Güte ist die allgemeine Form der Liebe, einer Liebe, die unabhängig ist von allen besonderen Gegenständen, auf die sie ausgeübt wird.
Wie Licht unabhängig ist von einzelnen Gegenständen, die es erhellt, so ist auch Güte, die Allgemeinform der Liebe, unabhängig von jedem einzelnen Gegenstand der Liebe. Diese Allumfassung ist das Zeichen, in dem die wahre Güte erkannt wird: es ist ihr besonderes Merkmal.

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