Die Welt als Illusion?

Optische Täuschungen haben mich seit jeher fasziniert, und in den letzten Wochen hatte ich anlässlich eines Vorlesungszyklus über unsere Wahrnehmung die Gelegenheit, einige zu sehen (ihr findet zwei Beispiele im Text auf meiner Selbstliebe-Website).
Ist die Welt tatsächlich so, wie wir sie sehen? Gibt es überhaupt eine objektive Realität? Farben etwa sind ja nichts anderes als elektromagnetische Wellen verschiedener Länge – wer kann sagen, ob das, was ich als rot sehe, von jedem Menschen gleich gesehen wird? Dass beispielsweise Insekten Farben anders sehen, auch einen anderen Bereich des Farbspektrums, wissen wir.

Es ist unser Gehirn, das aus allen Sinnesreizen gewissermassen eine individuelle Abbildung herstellt, wobei es die Wirklichkeit nach den bereits gemachten eigenen Erfahrungen interpretiert: Haben wir beispielsweise in unserem Leben schon öfters Vögel am Himmel gesehen, aber noch nie etwas von Flugzeugen gehört, so werden wir das kleine Ding, das wir weit, weit oben sehen, als Vogel erkennen.
Zudem ist unsere Wahrnehmung selektiv, je nach unseren gegenwärtigen Bedürfnissen und Motivation: Wenn wir etwa hungrig sind, während wir eine Strasse entlang gehen, sehen wir jedes Restaurant und jeden Lebensmittelladen, hingegen beachten wir Schmuckgeschäfte kaum. Es gibt ein nettes Experiment, das ihr selber machen könnt, um zu erkennen, dass wir nur wahrnehmen, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten.

Im Hinduismus spricht man auch davon, dass die ganze erfahrbare Manifestation des Göttlichen, die wir Schöpfung nennen, nichts als eine Illusion sei (Sanskrit: Maya). Es gibt nur eines, das Göttliche (Sanskrit: Brahman). Allerdings sind wir uns dessen nicht bewusst, und der Sinn des Lebens ist das „Erwachen“ und Erkennen der Wahrheit.

Legt die Vorstellung, die Welt sei eine Illusion, also nahe, uns von ihr zurückzuziehen und ausschliesslich die „Wirklichkeit“ zu suchen?
Alles hängt von unserer Definition von Illusion ab. Verstehen wir darunter, dass das Leben wie ein Traum ist, zeitweise ein Albtraum, so ist die logische Konsequenz, dass wir aufwachen und in die paradiesische Wirklichkeit zurückkehren wollen. Das ist der Weg des Buddha, in einem Satz zusammengefasst: Alles Leben ist Leiden, weshalb wir die Illusion unseres Ego und den Kreislauf der irdischen Wieder­geburten aufheben und ins Nirwana gelangen müssen.

Unter Illusion können wir jedoch auch Folgendes verstehen: Es gibt ein Gött­liches, das sich in der Materie, in allem Existierenden und somit auch in uns Menschen entfaltet hat (beim Urknall im naturwissenschaftlichen Sinn, beim Schöpfungsakt im religiösen Sinn); die Welt, das Universum und alle Ereignisse in Raum und Zeit sind absolut wirklich – unsere Illusion liegt darin, dass wir uns als vom Göttlichen getrennt wähnen, wir haben sozusagen „vergessen“, dass wir ein Teil des Göttlichen sind.
Anders ausgedrückt: Alles ist Eins, es gibt nichts ausser dem Göttlichen. Die Schöpfung ist das Spiel des Göttlichen mit sich selbst. Unser Ziel ist dann, uns dieser Einheit wieder bewusst zu werden – trotz oder gerade durch unser Wirken in dieser Welt. Betrachten wir alles, die ganze Schöpfung, als einen Teil des Göttlichen und nicht getrennt von uns selbst, so ist die logische Konsequenz, dass wir uns an der Welt erfreuen und auch an unserem Weg durch die „Lebensschule“, die der Wiederentdeckung unserer wahren Identität dient, mit all dem Schönen, das uns geschenkt wird, und all den Prüfungen und Stolpersteinen.
Dabei ändern wir uns selbst in dieser Welt und dadurch ver­ändern wir auch die Welt: Ich als Individuum bin zwar nur ein winzig kleiner Teil davon, doch wenn ich bewusster werde, wird die Welt als Ganzes ein klein wenig bewusster – mit jeder Blüte, die sich an einem Strauch öffnet, verschönert sich der ganze Strauch…

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Mein neues „Sonnwandeln“

Vor gut zehn Jahren begann ich, Sonnwandeln zu schreiben, eine Schriftenreihe für spirituelle Entwicklung im Alltag. Es entstanden schliesslich dreissig thematische Ausgaben, insgesamt über 600 Seiten. Den Namen Sonnwandeln wählte ich in der dop­pelten Be­deutung von „auf dem sonnigen Lebensweg wandeln“ und „sich zu einem sonnigen Gemüt wandeln“. Diese Schriftenreihe, die es nur in elektronischer Form gab, habe ich jetzt in gedruckte Bücher umgeformt und bei dieser Gelegenheit gründlich überarbeitet. Der erste Band mit dem Titel „Der Sinn des Lebens und die Lebensschule“ ist soeben erschienen, die übrigen vier erscheinen nach und nach.
Jedes Kapitel entspricht einer Ausgabe der früheren Schriftenreihe und weist die gleiche Struktur auf: „Einführende Gedanken“ stellt eine Einleitung ins Thema dar und wirft auch Fragen auf, die ich dann in den weiteren Rubriken „Vertiefende Aspekte“ und „Fragen & Antworten“ konkret und alltagsbezogen be­handle, wie es meine Art ist.
Zu jedem Thema gibt es eine Aufgabe für die innere Entwicklung, ergänzt durch Vorschläge für Affirmationen, eine Ima­gination oder Meditation und unterstützende Heilsteine und Bach-Blüten.

Das Konzept von Sonnwandeln ist einzigartig in seiner Ganzheitlichkeit und seinem Alltagsbezug.
Dabei geht Sonnwandeln einen Schritt weiter als die meisten Ratgeber-Bücher und die spirituelle Literatur, indem es die behandelten Themen nicht nur in einen konkreten Alltagsbezug stellt, vielmehr auch Entwicklungsziele Schritt für Schritt klar definiert und die entsprechenden Aufgaben dazu stellt.

Gebet und Meditation sind eine Seite der Spiritualität, eine wichtige – doch darüber gibt es schon viel Literatur und manche Website.
Deshalb konzentriert sich Sonnwandeln darauf zu zeigen, wie wir die spirituelle Ebene in unseren Alltag einbringen können, im Beruf, in Partnerschaft und Familie, bei Freizeitaktivitäten, mit Freunden und all unseren Mitmenschen, in unseren täglichen Entscheidungen und Taten, durch Krisen und Herausforderungen: Wir lernen Ängste und Wünsche abzubauen, Selbstwert, Urvertrauen und Gleichmut zu stärken – dadurch wachsen wir innerlich und kommen dem Göttlichen näher.

Sonnwandeln steht keiner Religion, Lehre, Kirche, Sekte oder Organisation nahe, ist völlig unabhängig und keiner bestimmten Ideologie verpflichtet. Ich schöpfe aus weltweiter spiritueller, philosophischer und psychologischer Weisheit. Eine Gottfigur der Gebote und Verbote, mit Belohnung und Strafe, findet darin keinen Platz, wohl aber das Göttliche als Absolutes, Einheit, Allheit.

Buchtitel_Der_Sinn_des_LebensDer Sinn des Lebens und die Lebensschule
von Karin Jundt
nada-Verlag
ISBN 978-3-907091-05-0
Paperback, 220 Seiten
EUR 19.00 / ca. CHF 25.00

Erhältlich:
• im Buchhandel und in den Online-Shops

Die Kapitel:
1. Der Sinn des Lebens und unsere Lebensaufgabe
2. Lebensphasen und Lebenskrisen
3. Zufall und Schicksal
4. Freier Wille oder Vorbestimmung?
5. Wille und Wollen
6. Unsere Innere Stimme

Sonnwandeln zeigt Wege auf
• wie wir mit weniger Angst und Sorgen gleichmütiger und zufriedener durch das Leben wandern,
• und im alltäglichen Handeln spirituell wachsen können,
• mit beiden Füssen fest in dieser Welt verankert, ohne asketische Praktiken und Entsagung.

Zu den Leseproben…

Noch eine Bitte: Falls euch das Buch gefällt und euch auf eurem spirituellen Weg unterstützt, wäre es für mich sehr hilfreich, wenn ihr eine Bewertung/Rezension in einem oder mehreren Online-Shops abgebt. Vielen Dank!

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Durchs Leben wandern

Die Formulierung „durch das Leben wandern“ verwende ich gerne, nicht nur, weil ich in meiner Freizeit oft lange Wanderungen unternehme. Vielmehr weil eine Wanderung uns dazu dienen kann, Einsichten über unsere aktuelle Lebenssituation zu gewinnen oder uns allgemeine Erkenntnisse zum Leben schenkt. Ja, wir können eine Wanderung ganz bewusst zu diesem Zweck unternehmen. Wir brauchen dann nur die Symbole zu deuten, die uns unterwegs begegnen. Ich erzähle euch von meiner gestrigen Wanderung, dann erkennt ihr sofort, was ich damit meine.

Es war ein sonniger und milder Herbsttag. Ich machte mich auf zu einer Wanderung, deren ersten Teil ich gut kannte, während ich die zweite Hälfte der Strecke noch nie gegangen war. Und von diesem zweiten Teil berichte ich.

Nach dem Aufstieg an der Sonne mit einer fantastischen Sicht auf die schon leicht verschneiten Berge ging es abwärts ins andere Tal. Ich hatte mir bewusst eine Tour ausgesucht, die nur über Wanderwege und nicht über alpine Wege führte, weil ich nicht auf jeden Schritt achten, sondern die Aussicht geniessen wollte.
Ein netter Wunsch, den wir wohl alle haben: ein leichter Lebensweg mit nur Schönem rechts und links. Bis vor knapp vier Jahren war mein Leben der letzten Jahrzehnte tatsächlich sehr sonnig verlaufen, wenn auch nicht immer ohne Anstrengung.

Der Weg war schön breit, etwa drei Meter, und gut zu begehen, bis ich an eine Gabelung kam. Das gelbe Wanderwegzeichen führte hinunter in den Wald und ich sah, dass der Weg schmaler, steiler und ziemlich matschig wurde.
In die andere Richtung verlief „mein“ schöner breiter Weg – nur zeigte leider kein Wegweiser in diese Richtung und ich hatte keine Ahnung, wohin der Weg führte.
Ich nahm an – oder hoffte –, dass der richtige Wanderweg irgendwann wieder auf diesen schöneren Weg führen würde. Und blieb auf dem unmarkierten schönen Weg. Mir war allerdings bewusst, dass ich vielleicht würde umkehren müssen – doch ich bin beim Wandern sehr ausdauernd, auch sechs, sieben Stunden Marsch machen mir nichts aus. Deshalb erschreckte mich der Gedanke eines Umwegs nichts.
Wir entscheiden uns oft für den Weg, der uns leichter scheint. Obwohl äussere Anzeichen dafür sprechen, dass ein anderer Weg sicher richtig wäre, gehen wir den unsicheren. Allerdings dürfen wir auch immer darauf vertrauen, dass es keine „Fehler“ gibt, sondern nur Erfahrungen, und wir immer wieder eine neue Chance bekommen. Und dass das Göttliche uns nie mehr auferlegt, als wir zu tragen vermögen.

Nach einer gefühlten knappen halben Stunde, immer leicht abwärts, angenehm, endete der Weg bei einer in dieser Jahrezeit bereits unbewohnten Alphütte. Es gab keine Möglichkeit, von da weiter zu wandern. Ich musste zurück zur Weggabelung, aber es machte mir nichts aus. Ich setzte mich kurz auf die Bank vor der Hütte und ass ein paar süsse Weintrauben, die ich als Verpflegung mitgenommen hatte.
Der leichte Weg, den wir wider besseres Wissen gehen, führt oft in eine Sackgasse. Wenn wir das erkennen, dürfen wir uns keine Selbstvorwürfe machen, sondern sollten uns kurz besinnen, uns stärken, und uns dann wieder auf den richtigen Weg begeben.
Erstaunlicherweise erreichte ich die Weggabelung viel schneller, als ich angenommen hatte – oder der Weg zurück kam mir nicht so beschwerlich vor.
Einzig unsere Bewertung macht es aus, wie wir eine Situation empfinden, objektiv gibt es nicht Gutes und nichts Schlechtes. Gehen wir eine noch so schwierige Lage mit Gleichmut an, so ist sie viel leichter zu ertragen.
Ich fügte mich also in mein Schicksal und ging den steilen, matschigen Weg hinunter ins Tal. Der Wald war ziemlich dicht, kein Sonnenstrahl kam durch und je weiter nach unten ich kam, desto kühler wurde es – es war die Schattenseite des Berges. Ich trug ein Kurzarm-T-Shirt und Wandersandalen ohne Socken; natürlich hatte ich noch eine Jacke dabei, aber ich hoffte, ich würde bald aus dem Wald herauskommen und die Sonne mich dann wieder wärmen. Doch der Wald hörte und hörte nicht auf, der Weg war stellenweise sehr matschig, ich musste langsam und vorsichtig gehen. Aber meistens kam ich trotzdem gut am Matsch vorbei, ganz am Rand oder weil trockenes Herbstlaub dick über dem Matsch lag. Meistens, doch nicht immer. Meine Füsse waren schon ganz braun vor lauter Schlamm, meine Hosenbeine verspritzt.
Diese Wegstrecke interpretiere ich als meine Lebenssituation der letzten knapp vier Jahre. Etwas dunkel, steil, nicht wirklich gefährlich, aber mit Achtsamkeit und Vorsicht anzugehen. Allerdings auch immer wieder eine Hilfe, ein leichteres Stückchen Weg, und über alles gesehen, doch durch eine schöne Landschaft. Und die unschönen Äusserlichkeiten sollten wir später so leicht wegwischen wie man schmutzige Füsse und Hosen wäscht!
Als sich der Wald ein klein wenig lichtete und ich weiter talwärts blicken konnte – Nebel! Wenn ich beim Wandern etwas nicht mag, dann ist es Nebel. Man verliert schnell die Orientierung, übersieht Wegzeichen. In dem Moment kam ein Hauch von Missmut über mich: So sehr hatte ich gehofft, bald wieder an der Sonne zu sein, und jetzt auch noch das! Bei dieser Wetterlage ist bei uns Nebel in den Bergtälern nichts Aussergewöhnliches, aber ich hatte mir vor meiner Wanderung die Webcams im Internet angeschaut, und nur Sonne gesehen.
Wie ich weiterging, merkte ich, dass der Nebel sich etwa in meinem gleichen Gehtempo hinunter zurückzog.
Was machen wir uns doch immer unnötig Sorgen über Künftiges! Selbst wenn wir weiter vor uns Schwierigkeiten sehen oder vermuten – wer sagt uns denn, dass wir tatsächlich auf sie treffen? Eine ganz wichtige Lebenslektion: Mit Urvertrauen weiter gehen und uns mit den Herausforderungen dann auseinandersetzen, wenn sie wirklich da sind.
Endlich wurde der Weg flacher und breiter, mündete in eine asphaltierte Strasse, bald war der Wald fertig, der Nebel verschwunden und in der Ferne sah ich eine sanfte Hügellandschaft in der Sonne. Ich beschleunigte meinen Schritt, meine Füsse waren inzwischen sehr kalt, auf der schattigen Wiese am Waldrand lag Raureif.
Beinahe wäre ich auf dem unscheinbaren Glatteisfilm auf der Strasse ausgerutscht, ich konnte einen Sturz gerade noch akrobatisch abwenden.
Es ist befreiend, wenn wir nach einer dunklen Zeit am Horizont wieder die Sonne sehen. Manchmal haben wir es jedoch zu eilig, aus einer unangenehmen Lage herauszukommen und werden unvorsichtig. Diese Erkenntnis traf mich gestern bei meinem Ausrutscher wie ein Blitz! Ich sagte mir: „Karin, geh langsam voran, überstürze nichts, sieht es auch noch so vielversprechend aus, lass dem Göttlichen die Zeit, für dich das Beste zu wirken, reiss die Zügel nicht an dich…“ Und eine Woge der Dankbarkeit und Zuversicht durchströmte mich.
Schliesslich, endlich!, war ich wieder an der Sonne, die Strasse schlängelte sich sanft hinunter zum Dorf, noch eine Dreiviertelstunde verriet mir der Wegweiser. Und rot leuchtete etwas weiter unten eine Bank am Wegrand – dort wollte ich eine Weile rasten, etwas essen und trinken und ausruhen, bevor ich dann auf mein Ziel zusteuerte.
Lassen wir uns Zeit, der Weg ist das Ziel. Es geht nicht darum, irgendwo anzukommen, sondern den Weg zu geniessen und vor allem daraus zu lernen.

Viele Male habe ich schon eine Wanderung unternommen, mit der bewussten Absicht, aus den Symbolen Antworten zu finden. Und jedes Mal habe ich wertvolle Erkenntnisse daraus gewonnen.
Ich kann euch empfehlen, wenn ihr einmal Fragen an eure Lebenssituation habt, wenn ihr eine Entscheidung treffen müsst oder Einsichten sucht: geht wandern! Es darf durchaus auch ein Spaziergang sein, Hauptsache ihr geht allein und hinaus in die Natur. Wählt eine Route, die ihr nicht kennt, es ist dann einfacher, sie unvoreingenommen zu begehen. Seid wachsam für alles, was euch auf dem Weg begegnet, spürt, was es in euch auslöst, folgt den spontanten Assoziationen, die in euch aufkommen, nehmt die Einsichten und Erkenntnisse in euch auf.
In diesem Sinne: Ich wünsche euch allen eine frohe Wanderung durchs Leben!

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Fragen zu Urvertrauen und Gleichmut

Interview mit Karin Jundt über Karma YogaLetzte Woche erschien in einigen Schweizer Regionalzeitungen ein Interview mit mir über Karma Yoga. Das Interview hat Gabriele Spiller (GS) geführt, der ich auch an dieser Stelle nochmals herzlich für das bereichernde Gespräch danke.

Das gesamte Interview könnt ihr als PDF-Datei herunterladen.
Die Antworten zu einigen der mir gestellten Fragen will ich nachfolgend noch etwas vertiefen.

GS: Der erste Pfeiler des Karma Yoga besteht im Urvertrauen. Gerade heute sind die Menschen angesichts der Komplexität des Alltags aber sehr verunsichert.
Diese Verunsicherung ist nichts Neues, früher lag sie nur in anderen Herausforderungen, beispielsweise in Missernten und der Willkür der Herrschenden.
Ich gehe oft so weit zu sagen, dass wir überhaupt keinen Einfluss auf unser Schicksal haben, und stosse dabei nicht selten auf Widerspruch. Doch diese Erfahrung haben wir ja alle schon gemacht: Wir bemühen uns, ein Ziel zu erreichen, setzen alles daran, die Vorzeichen sind günstig – und dennoch scheitern wir. Auf der anderen Seite fallen uns manchmal die gebratenen Tauben nur so in den Schoss, ohne dass wir uns angestrengt haben.
Auch sind wir dem Schicksal völlig ausgeliefert, etwa was Tod und Krankheiten betrifft. Ebenso wenn andere Menschen involviert sind, da wir ihnen nicht unseren Willen aufzwingen können, beispielsweise wenn mein Partner mich verlässt oder mein Arbeitgeber mich entlässt.
Wir wünschen und planen zwar, aber was schliesslich daraus entsteht, entzieht sich unserer Macht. Deshalb ist Urvertrauen so wichtig. Wir haben im Grunde genommen gar keine andere Wahl. Entweder wir hadern mit dem Schicksal, verbittern, kämpfen gegen Windmühlen, versinken in Selbstmitleid – oder wir vertrauen darauf, dass immer alles nur zu unserem Besten geschieht, dass wir in dieser Lebensschule geführt und getragen sind. Dass alles einen Sinn hat, selbst wenn wir ihn nicht unmittelbar erkennen.

GS: Der schwierigste Aspekt scheint mir, uneingeschränkt an den höheren Willen zu glauben, der alles sinnvoll lenkt.
Die meisten Menschen glauben an ein Göttliches in irgendeiner Form, mir sind in meinem Leben selten echte Atheisten begegnet. Viele haben jedoch Mühe mit dem Gott, der ihnen als Kind vermittelt wurde. Dazu hat Tolstoi etwas Treffendes gesagt: „Wenn in dir der Gedanke aufkommt, dass alles, was du über Gott dachtest, falsch ist und dass es keinen Gott gibt, so lass dich dadurch nicht verunsichern. Es geht allen so. Meine aber nicht, dein Unglaube rühre daher, dass es keinen Gott gibt. Wenn du nicht mehr an deinen früheren Gott glaubst, so liegt es daran, dass an deinem Glauben etwas falsch war, und du musst versuchen, besser zu begreifen, was du Gott nennst. Wenn ein Wilder aufhört, an seinen hölzernen Gott zu glauben, so bedeutet das nicht, dass es keinen Gott gibt, sondern nur, dass er nicht aus Holz ist.“
Es ist zugegebenermassen manchmal nicht leicht, an einen weisen, allmächtigen, liebenden Gott zu glauben, wenn man sieht, was auf der Welt geschieht, wie viele Menschen leiden. Aber: Wenn wir an eine höhere Macht in welcher Form auch immer glauben, liegt es dann nicht nahe, dass dieses Höhere einen besseren Überblick über das Weltengeschehen hat als wir und weiss, was es tut? Und ist es nicht anmassend, wenn wir meinen, mit unserem unvollkommenen menschlichen Geist verstehen zu können, was dieses Höhere mit der Welt, wie sie ist, bezweckt?
Doch mir liegt es fern, jemanden bekehren zu wollen. Jeder Mensch muss der Wahrheit vertrauen, die in ihm selbst anklingt. Dann wird der persönliche Glaube zu einem Wissen, und nur dann können wir auch danach leben. Alle anerzogenen oder aufgezwungenen Dogmen sind sinnlos, sie führen nur zu Scheinheiligkeit und Heuchelei.

GS: Unser Gleichmut, die dritte Säule des Karma Yoga, wird ja häufig auf die Probe gestellt. Warum passiert gerade mir das, und warum gerade jetzt?
Die Frage nach dem Warum stellen wir uns tatsächlich immer wieder. Präziser muss sie lauten: „Was will mich dieses Ereignis lehren?“ Der Sinn des Lebens scheint in der Evolution zu liegen, allerdings nicht nur in der physichen, sondern vor allem in der geistigen. So ist das Leben selbst unsere Schule, in der wir lernen und uns zur Vollkommenheit hin entwickeln – spirituell ausgedrückt: zur Gottesverwirklichung oder Erleuchtung oder wie man es nennen will.
Daher werden wir – und hiermit ergänze ich auch die vorangehende Frage nach der sinnvollen Lenkung des Universums – an die Erfahrungen herangeführt, durch die wir etwas lernen können. Jeder Mensch hat seinen eigenen Weg, jeder Mensch hat seine eigenen Lektionen zu lernen. Deshalb haben nicht alle Menschen auf der Welt das gleiche Schicksal.
Was auch immer auf uns zukommt, das Urvertrauen sagt uns: „Das Göttliche wird schon wissen, warum mir das jetzt geschieht. Und ich bemühe mich, die Lektion zu verstehen.“
Der Gleichmut ist dabei ebenfalls unerlässlich, denn er hilft uns, das sogenannt Angenehme und das sogenannt Unangenehme gleichermassen zu akzeptieren. In der Bhagavadgita, einer heiligen hinduistischen Schrift, heisst es: „Wer Glück und Leid, Gold und Schlamm und Stein als gleichwertig betrachtet; wem das Angenehme und das Unangenehme, Lob und Tadel, Ehre und Schande, der Kreis der Freunde und der Kreis der Feinde eins sind; wer beständig in einer weisen, unerschütterlichen und unwandelbaren in­neren Ruhe und Stille weilt; wer keine Tat anstrebt – dieser Mensch steht über dem Wirken der Natur.“ (Bhagavadgita XIV, 24 f.) Es geht also darum, nicht zu werten: Die Dinge sind an sich weder gut noch schlecht, erst durch unsere Bewertung machen wir sie zu etwas Erwünschten oder etwas Verhasstem.
Gelingt es uns, mehr Gleichmut zu entwickeln, so leben wir gesamthaft zufriedener. Denn in 95 Prozent unseres Alltags reiben wir uns an Banalitäten, etwa dass das Wetter schlecht ist, wenn wir wandern gehen wollen, oder dass die Kinotickets für einen Film schon ausverkauft sind, oder dass das Essen im Restaurant nicht unseren Erwartungen entspricht und und und. Diese Alltagssituationen mit Gleichmut anzunehmen ist nicht allzu schwer, haben wir die Einsicht einmal gewonnen. Und es ist die richtige Übung für den Fall, dass uns einmal ein wirklich schwerer Schicksalsschlag trifft.

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Achtsamkeit

In anspruchsvollen Lebenssituationen, die wir alle ja von Zeit zu Zeit durchlaufen, sind wir intensiv damit beschäftigt, die jeweilige Situation zu bewältigen und die Lehren daraus zu ziehen.

In den Zeiten, in denen es uns gut geht, alles „normal“ läuft hingegen… ja, natürlich dürfen wir da auch ausspannen und das Leben geniessen! Die Herausforderungen kommen schliesslich schneller als erwünscht zurück.
Dennoch sind das die Zeiten, um in Ruhe und Gelassenheit an unseren kleineren und grösseren „Untugenden“ zu arbeiten, wie mangelnde Selbstliebe (zugegeben, ein Lebensprojekt!), schwaches Urvertrauen und, konkreter, beispielsweise an bestimmten Verhaltensmustern und Gewohnheiten, einzelnen Ängsten, Anhaftung und Achtsamkeit.

Ich beschäftige mich momentan mit der Achtsamkeit, weil mir in letzter Zeit vermehrt aufgefallen ist, wie oft ich in die Küche gehe, um… und wenn ich da angekommen bin, nicht mehr weiss, was ich da wollte, weil ich mit meinen Gedanken schon wieder anderswo bin; dass ich beim Zähneputzen nicht mehr weiss, ob ich unten (oder oben) schon geputzt habe; auch weil ich einige schlechte Gewohnheiten in diesem Zusammenhang loswerden will, wie vor dem Computer essen, anstatt mich ganz aufs Essen zu konzentrieren. Und ganz allgemein, weil ich in der Gegenwart leben und nicht mit meinen Gedanken ständig ausserhalb der Sekunde, in der ich mich gerade befinde, weilen will.
Keine einfache Aufgabe. Und anstrengend!!!

Wenn ihr gerade nicht wisst, woran arbeiten, versucht es auch einmal. Immer ganz im Augenblick zu sein, ganz konzentriert auf das, was ihr gerade tut, mit voller Hingabe. Erlaubt euren Gedanken nicht abzuschweifen, es existiert keine Vergangenheit und keine Zukunft, nur der Moment. Und wenn ihr es schafft, diesen Zustand zehn Minuten am Stück durchzuhalten lasst es mich wissen – und verratet mir bitte bitte euren Trick :mrgreen:

Dazu noch eine hübsche Zen-Geschichte.

Ein Mann fragte einmal einen alten Zen-Meister: „Wie machst du das, dass du immer so glücklich bist?“
Der Zen-Meister antwortete: „Wenn ich liege, dann liege ich. Wenn ich gehe, dann gehe ich. Wenn ich esse, dann esse ich. Wenn ich arbeite, dann arbeite ich.“
Der Mann schaute ihn verständnislos an: „Das tue ich doch auch! Dennoch bin ich nicht glücklich.“
„Wenn ich liege, dann liege ich. Wenn ich gehe, dann gehe ich. Wenn ich esse, dann esse ich. Wenn ich arbeite, dann arbeite ich“, wiederholte der Weise.
Nun kam Verärgerung im Mann auf und er konnte sie nicht verbergen. „Du machst dich über mich lustig!“, rief er empört.
Milde lächelnd gab der Meister die Erklärung: „Gewiss liegst du, gehst, isst und arbeitest. Doch während du liegst, überlegst du, wohin du danach gehen wirst, und während du gehst, fragst du dich, was du essen wirst und beim Essen denkst du über deine nächste Arbeit nach. Deine Gedanken sind ständig woanders und nicht da, wo du gerade bist. Das Leben findet aber in diesem Augenblick zwischen Vergangenheit und Zukunft statt; wenn du dich ganz darauf einlässt, kannst du glücklich werden.“

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Der Fluss des Lebens

Gestern traf ich in der vorösterlich elendlangen Schlange vor der Kasse des Supermarkts eine alte Bekannte, die vor einigen Jahren ihren Mann verloren hat. Sie erzählte mir, wie sehr sie ihn immer noch vermisst, gerade an solchen Festtagen.
Auf meine Frage, ob sie keinen neuen Partner habe, antwortete sie: „Das will ich nicht, das kommt für mich nicht in Frage, niemals. Dafür respektiere ich meinen verstorbenen Mann zu sehr.“

In diesem Moment war ich an der Kasse an der Reihe und wir konnten das Gespräch nicht sofort fortführen. So hatte ich Zeit, meinen Gedanken nachzugehen.
Mein erster war: Hm, hat das wirklich mit Respekt zu tun? Ein Lebensabschnitt ist mit dem Tod des Partners zu Ende gegangen, ein neuer folgt, das ist der Fluss des Lebens. Dürfen wir uns an Vergangenem festklammern?

Dann fiel mir ein, dass sie etwa 40 Jahre lang mit ihrem Mann zusammen gewesen war und inzwischen auch schon einiges über 60 sein musste. Nach dieser langen gemeinsamen Zeit ist es bestimmt nicht mehr so einfach, das Alte loszulassen. Vielleicht fehlt auch der Glaube, nochmals einem ebenso guten Mann begegnen zu können. Wohl spielt auch die Angst vor einer neuen Beziehung, wenn man ein Leben lang mit dem gleichen Partner zusammen gewesen ist.

Dennoch konnte und kann ich dieser Treue über den Tod hinaus nichts abgewinnen. Allerdings respektiere ich selbstverständlich ihre Entscheidung und ihren Weg. Zweifellos spricht und handelt sie so, wie sie es in sich spürt. Das ist auf jeden Fall gut und richtig.

Und ich habe mehr als einmal am eigenen Leib erfahren, dass solche Grundsätze und „Prognosen“ für die eigene Zukunft von einer Minute auf die andere ins Gegenteil gekehrt werden können, wenn das Göttliche etwas anderes mit einem vorhat. :mrgreen:

Wichtig ist, dass wir in solchen Momenten, in denen das Göttliche uns mehr oder minder sanft in eine andere Richtung lenken will, nicht versuchen, gegen den Strom zu schwimmen, unsere festgefahrenen Überzeugungen und Dogmen loslassen, dem Fluss des Lebens folgen und uns von unserem Urvertrauen tragen lassen.

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Der Sinn des Lebens

Eine der Fragen, die jeden Menschen früher oder später beschäftigen, ist diejenige nach dem Sinn des Lebens, dem allgemeinen und dem individuellen: Warum gibt es die Erde und das Universum? Was mache ich in dieser Welt? Was ist der Sinn meiner Existenz? Hat das Ganze überhaupt einen Sinn? Die Ausrichtung unseres Daseins, die Planung un­serer Zukunft, auch die Strategien, mit denen wir unser Glück verfolgen, hängen nicht unwesentlich damit zusammen, welche Antwort auf die Sinnfrage wir für uns selbst finden.
Glauben wir an einen Gott oder an eine höhere Macht in irgendeiner Form, so führt das meis­­tens auch zur Überzeugung, dass die Welt mitsamt dem menschlichen Sein einen Sinn hat, haben muss. Die Vorstellung, dass alles aus Zufall und Chaos entstanden sein könnte und „keiner da ist, der nach dem Rechten schaut“, ist vielen Menschen unerträglich.

Betrachten wir das Universum seit der Entstehung bis heute, stellen wir fest, dass sich die Einheit zur Vielheit entfaltet hat. Beim Urknall, so lehrt uns die Wissenschaft, be­gann ein „Etwas“, das alles extrem dicht komprimiert in sich vereinte, zu expandieren, und es entstanden Galaxien mit Sternen und Planeten. Auf der vorerst unbelebten Erde erschienen später die lebenden Or­ga­nismen, Einzeller. Sie schlossen sich zu Gruppen zu­sammen, spezialisierten sich, bildeten Pflanzen und Tiere, die sich von einfachen zu immer komplexeren Systemen wandelten.
Neben dieser Ausformung von der Einheit zur Vielheit er­ken­nen wir zudem, dass die Natur alles Erdenkliche zu verwirklichen versucht. Schauen wir nur den Artenreichtum an, die oft bizarren Wesen – und stellen wir uns im Gegenzug eine Welt vor, auf der es ausschliesslich Berge aus Granit, braune Erde, Klee, Tannen und Raben gäbe! Es geht in der Schöpfung offenbar nicht um Gleichförmigkeit, Eintönigkeit, sondern um die verschiedenartigsten Farben, Formen, Ma­te­rialien, Laute, Düfte…
Der Sinn des Lebens scheint auf der materiellen Ebene also in der Evolution und Differenzierung zu liegen, in einem nicht endenden Prozess.
Es lässt sich wohl nicht vorhersagen, wie sich unsere Spezies körperlich verändern wird. Doch erweitern wir unseren Blickwinkel von der physischen Evolution auf den Geist, so sehen wir auch hier, vom Einzeller bis zum Menschen, eine fortlaufende Verfeinerung und Individualisierung auf der Bewusstseinsebene. Das lässt sich schliesslich auch innerhalb der Gattung Homo über die letzten paar Millionen Jahre beobachten und noch deutlicher beim Homo sapiens, dem mo­dernen Menschen, in den vergangenen 160000 Jahren.
Darin sehen die mystischen Richtungen der Religionen den Lebenssinn und die Lebensaufgabe des Menschen: durch die Entwicklung eines höheren Bewusstseins das Göttliche zu er­kennen, zu verwirklichen und die Einheit mit ihm zu er­lan­gen.
Dieser Prozess ist nicht wie bei der Evolution der Arten ein kollektiver, sondern ein individueller. Im Gegensatz zu den Pflanzen und vermutlich den meisten (vielleicht gar allen) Tieren, de­ren Verhalten durch Instinkte gesteuert und deren Evolution zwangsläufig durch die Natur vollzogen wird, besitzen wir Menschen nämlich die Voraussetzungen, unsere Handlungsweise mehr oder min­der frei zu bestimmen, und damit die Chance, uns bewusst und freiwillig zu vervollkommnen, um so den Sinn des Lebens zu erfüllen.
Warum aber sollten wir das tun? Was vermag uns anzutreiben? Bekanntlich ist jede Veränderung mit Mühe verbunden, nicht selten mit Angst, Ungewissheit, Herausforderungen, Schmerz und Leid… Unter welchen Bedingungen sind wir denn bereit, solches auf uns zu nehmen? Wohl dann wenn wir glauben, dadurch ein verführerisches Ziel zu erreichen. Und welches Ziel wäre für uns verlockender als anhaltendes Glück? Das ist es nämlich, was wir suchen, alles übri­ge, Geld, Macht, Liebe, Gesundheit und was wir uns sonst noch wünschen, ist nur Mittel zum Zweck. Aber warum finden wir diese immer währende Zufriedenheit nicht? Wa­rum besteht das Leben aus einem Auf und Ab, aus Freu­de und Leid? Warum trübt immer wieder etwas unser Glück?
Vielleicht, weil wir den richtigen Weg noch nicht erkannt, nicht entdeckt haben. Könnte der Preis dafür nicht in der Entwicklung eines neuen Bewusstseins liegen? Oder an­ders ausgedrückt: Gibt es eine Bewusstseinsstufe, auf welcher wir ausschliesslich zufrieden sind? Der Karma Yoga weist einen Weg.
(Dieser Text stammt weitgehend aus meinem Buch „Karma Yoga – Auf dem sonnigen Weg durch das Leben“)

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Alles geschieht mindestens zwei Mal

Vielen von uns ist bewusst, dass wie immer wieder in ähnliche leidvolle Situationen geraten, wenn wir nicht daraus gelernt haben und unser Verhalten ändern. So kann man manchmal beobachten, wie jemand sich aus einer Beziehung löst – und sich prompt wieder mit einem ähnlichen Partner zusammentut und auf ähnliche Probleme wie vorher stösst. Das Gleiche gilt für Situationen aus dem beruflichen Umfeld: Wir verlassen einen Arbeitsplatz aus bestimmten Gründen, suchen uns eine neue Stelle – und treffen wieder auf gleiche oder ähnliche Umstände, die uns nicht gefallen.

Nun ist aber die Schlussfolgerung, dass uns wieder das Gleiche passiert, weil wir offenbar nichts oder nicht genügend aus der vorangehenden Situation gelernt haben, nicht in jedem Fall zutreffend.
Das Leben funktioniert wie eine Schule, denn der Sinn ist ja unsere innere Entwicklung; wir werden ständig mit „Lernstoff“ konfrontiert und sollen etwas lernen. Wir geraten also in eine schwierige Situation und gehen irgendwie damit um, wir verhalten uns so, wie wir es als gut empfinden. Daraufhin gibt es verschiedene Möglichkeiten, wie es weiter geht:

1) Haben wir „richtig“ gehandelt, ist die „Lektion“ damit beendet, wir geraten nicht wieder in die gleiche Situation – oder doch? Warum eigentlich nicht – wenn wir doch fähig sind, damit umzugehen, ist sie für uns nicht mehr schwierig und es wird uns gar nicht besonders auffallen, wenn wir uns, aus welchen höheren Gründen auch immer, wieder einmal in einer gleichen oder ähnlichen Lage befinden.

2) Haben wir „falsch“ gehandelt (wobei es in Wirklichkeit keine „Fehler“ gibt, sondern nur Erfahrungen!), ergeben sich zwei Möglichkeiten:
• Wir erkennen unseren „Fehler“ nicht, lernen also nicht daraus: Wir werden wieder in die gleiche oder ähnliche Lage kommen – niemals als Strafe zu verstehen, sondern nur als neue Chance zu lernen.
• Wir erkennen unseren „Fehler“, ziehen Erkenntnisse daraus, nehmen uns vor, es das nächste Mal anders und besser zu machen: Wir haben gelernt, in diese Situation müssten wir also nie wieder kommen. Oder doch? Eine theoretische Erkenntnis bedeutet ja nicht zwangsläufig, dass wir sie dann in der Praxis tatsächlich umsetzen können. Deshalb werden wir irgendwann wieder in eine ähnliche Situation geraten: Wir werden auch in der Lebensschule, wie in jeder Schule, geprüft. Bestehen wir die Prüfung, so befinden wir uns an dem Punkt wie unter 1) beschrieben. Bestehen wir die Prüfung nicht, wird uns der „Lernstoff“ im Sinn einer neuen Chance wieder begegnen und wieder geprüft werden. Bis wir ihn wirklich gelernt haben.

Nun sollen wir uns keinesfalls vor diesen Herausforderungen und Prüfungen fürchten. Wir bekommen jede Hilfe, die wir brauchen, wir werden stets liebevoll geführt und wir dürfen darauf vertrauen – wie es so schön im Koran steht –, dass keiner Seele mehr auferlegt wird, als sie zu tragen vermag.

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Wenn du wachsam bist…

… ist das Leben ein spannendes Abenteuer. Ständig begegnen dir Menschen, die dir etwas zu sagen haben, selbst wenn sie nicht mit dir sprechen. Laufend erlebst du Ereignisse, die voller Bedeutung für dich sind, sobald du hinter ihre Äusserlichkeit schaust. Immer zieht sich ein roter Faden durch dein Leben und wenn du ihm aufmerksam folgst, entdeckst du jeden Tag in den Herausforderungen die Chance, innerlich zu wachsen, in den glücklichen Augenblicken die Geschenke der Gnade, in den Momenten tiefster Traurigkeit das Tor zu dir selbst und in unerträglichem Schmerz eine tröstende, helfende Hand, bereit dir alle Last abzunehmen.

Wenn du wachsam bist, macht alles Sinn. Nichts ist Zufall, was dir widerfährt, nicht die Ereignisse, die du als angenehm empfindest, noch die, welche dir Kummer machen. Das Leben verschwendet keine Zeit und verpasst keine Gelegenheit dir etwas beizubringen, dir die Richtung zu weisen, dich auf den Weg zurückzuführen, wenn du dich verirrt hast. Solange du glücklich bist, tief innen zufrieden, brauchst du an deinem eingeschlagenen Weg nichts zu ändern. Aber wenn du leidest, ist es das untrügliche Zeichen, dass du in deinem Leben etwas ändern musst – und sei es nur die innere Einstellung dem Schmerz gegenüber, indem du lernst, dass alle Gegensätze nur Illusion sind: Kälte und Hitze, Hunger und Sättigung, Krankheit und Gesundheit, Armut und Reichtum, Freud und Leid, alle sind sie nur Ausdruck des Einen, und es gibt keinen Grund, das eine zu mögen und das andere zu hassen.

Wenn du wachsam bist, erkennst du in allem Symbole und Zeichen. Du nimmst sie wahr und bemühst dich, sie zu deuten und zu verstehen; selten gelingt es dir sofort, manchmal erst nach Jahren, oft gar nicht. Aber du weisst auch, dass selbst Deuten und Verstehen nicht wichtig sind, wenn du darauf vertraust, dass das Göttliche dich führt und lenkt und in jedem Augenblick deines Lebens für dich sorgt.

Wenn du wachsam bist, siehst du dieses dein Leben als eine Etappe auf einer unendlich langen Wanderung; was bereits hinter dir liegt, hast du vergessen, was dir noch bevorsteht, kennst du nicht. Von den Hindernissen, die du auf deinem Weg findest, weisst du nie, ob sie deinen Mut und deine Kraft fördern wollen, indem du sie überwindest, oder ob sie dich zur Umkehr ermahnen. Und wenn du eine prachtvoll bunte, duftende Blumenwiese erreichst, bist du nicht sicher, ob sie dich zum Pflücken einlädt oder deine Enthaltsamkeit gegenüber der Versuchung prüfen will. Aber du weisst, dass – wie immer du auch entscheidest – weder das eine falsch noch das andere richtig ist. Du vertraust darauf, dass alles stets zu deinem Besten geschieht.

Wenn du wachsam bist, nimmst du deine Wanderung durchs Leben leicht, ob der Pfad steil, steinig ansteigt oder sanft über blühende Wiesen führt. Und du freust dich ebenso über süsse Heidelbeeren am Wegrand und die frische Quelle wie über den verstauchten Fuss und die schmerzenden Knie.

Wenn du wachsam bist, erkennst du, dass diese Welt und dieses Dasein keine Illusion sind, denen zu entfliehen es gilt, sondern dass sie das liebevolle Werk des Göttlichen sind und dass sein Geist allem – dem Schiefer, der Alpenrose, dem Steinbock, dem Hirtenjungen, aber auch der Seilbahn zum Gipfel und dem Flugzeug, das über den Bergen kreist – innewohnt. Und du siehst, dass sie zwar noch nicht vollkommen, jedoch auf dem Weg zur Vollkommenheit sind, und du weisst: Nicht indem du andere änderst, trägst du zum grossen Werk bei, sondern nur wenn du an deiner eigenen Vollkommenheit arbeitest.

Wenn du wachsam bist, ist das Leben ein Schauspiel, in welchem dir die Hauptrolle zugeteilt ist. Für dich ist nur deine eigene Rolle von Bedeutung, nur in ihr kannst du dich verwirklichen, nur dank ihr kannst du dich entwickeln. Du bist Akteur in einem Stück, dessen Bühne die ganze Welt ist und dessen Ablauf nur der Grosse Regisseur kennt, der das Drehbuch auch geschrieben hat. Deine Aufgabe ist es, seinen Anweisungen in der Stimme deiner Seele zu folgen und deine Rolle so gut wie möglich zu spielen – ganz gleich, welche es gerade ist, die eines Bettlers oder die eines Königs, die eines unbeschwerten Kindes oder die eines sterbenden Greises.

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Das Ego: Mittel zum Zweck

Die Bildung des Ego war eine wichtige Errungenschaft der Evolution: Es ist die Geburt des Individuums, der Empfindung, dass ich ein von anderen abgegrenztes Wesen bin mit individuellen Bedürfnissen und der innewohnenden Möglichkeit, diese zu befriedigen, und nicht nur ein Bestandteil eines Kollektivs. Das Ego ist die Zwischenstufe zwischen dem instinkt­gesteuerten und dem spirituellen Wesen, zwischen der Unbewusstheit und dem Göttlichen Bewusstsein.
Aus dem Blickwinkel der Evolution muss der Mensch als Spezies seine Eigenständigkeit gegenüber „der Natur“ herausarbeiten und behaupten: Sich nicht länger vom Instinkt und von einer Mechanik leiten lassen, sondern von seinen Vorstellungen und Wünschen, seine Individualität wahrnehmen und ausleben. Erst wenn er den ganzen Reichtum des Ego an Fähigkeiten, Kraft und Genuss erfahren hat, kann er sich Höherem zuwenden.
Ist das Evolutionsziel „Bildung des Ego“ erreicht – das ist es in unserer heutigen Menschheit längst! –, folgt das nächste: das Erlangen des Bewusstseins, dass dieses Ego nur eine zu überwindende Übergangsstufe ist, und die spirituelle Entwicklung bis zur Erkenntnis der Einheit im Göttlichen.
Zur Zeit leben wir noch in einem äusseren, oberflächlichen Bewusstsein, identifizieren uns mit ihm und schreiben ihm zu, was in Wirklichkeit für die Seele zutrifft; das Ego ist sozusagen ein „Ersatzbewusstsein“. Von diesem Irrglauben, es sei unser wahres Selbst, haben wir uns jetzt zu lösen.
Wegen des Ego sind wir uns der Einheit aller Wesen, ja allen Existierenden nicht bewusst und versuchen stets im Hinblick auf unseren individuellen Vorteil zu handeln. Daraus entsteht vieles, was wir „schlecht“, „böse“, „verwerflich“, „sündig“, „egoistisch“ nennen. Es ist jedoch auch nichts weiter, als ein Schritt in der Evolution: Die Natur setzt alles ein, was ihr zur Verfügung steht, schöpft alle Möglichkeiten aus, um die Ent­wicklung voranzutreiben, auch egoistische oder selbstzerstörerische Instinkte, wenn sie dem fernen Ziel dienen. Sind doch erst durch das „Böse“ und unser Empfinden von „Sünde“ die Ethik und Moral als Vorstufe des Spirituellen entstanden.
Es ist auch dieses Ego, das sich freut und leidet, dem wir einen freien Willen zuschreiben und all das, von dem wir meinen, es mache uns aus. Aber das Ego ist nicht unser wahres Selbst! Wenn wir Ich sagen, sollten wir damit unsere Seele meinen, diesen Göttlichen Kern in uns, der sich weder freut noch leidet und als Willen lediglich den Göttlichen kennt. Das Ego loslassen, unsere wahre Identität erkennen und damit wieder eins mit dem Göttlichen werden, ist der Sinn unserer menschlichen Existenz.

Unter „das Ego loslassen“ darf nicht verstanden werden, es zu vernichten, denn es verfügt über die Eigenschaften, die für unseren spirituellen Weg unerlässlich sind. Verwandeln sollten wir es, von dieser niedrigen Entwicklungsstufe auf eine höhere erheben.
Jede unserer „niederen“ Regungen ist nämlich lediglich eine Verzerrung der wahren Eigenschaft des Göttlichen (und unseres wahren Selbst) und kann in sie verwandelt werden: So muss beispielsweise unsere besitzergreifende Liebe zur bedingungslosen Liebe werden, un­­ser Hunger nach weltlichen Genüs­sen zur Sehnsucht nach der im­merwährenden Göttlichen Glückseligkeit, unser unvollkommenes Denken zum All-Wissen.

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